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robert

Das neue Jahr stand ganz im Zeichen des Euro. Es war kaum eine Viertelstunde alt, da hatte Robert die ersten Euro-Gierigen in eine nahe gelegene Haspa-Filale stürzen sehen. Warum? Man hatte doch noch zwei Monate Zeit, die D-Mark-Bestände aufzubrauchen. Ein paar Meter weiter skandierte eine vom Neujahrssekt beschwipste Gruppe einen Abgesang auf die bisherige Landeswährung. "Tschüß, die D-Mark. Schön wars mit uns zwei!" oder so lautete der Text der alkoholisierten Liedermacher. Robert fragte sich, wie man so etwas Belangloses wie die Farbe, das Aussehen oder auch den Namen des heimischen Zahlungsmittels zum inhaltlichen Kernthema des Jahreswechsels machen konnte. Auf der anderen Seite konnte Robert sich sehr wohl vorstellen, dass es keinen besseren Katalysator für das europäische Gemeinschaftsempfinden geben könne, als eine gemeinsame Währung. Der schnöde Mammon ist uns doch am nächsten, wusste Robert sich und seine Euroland-Mitbürger richtig einzuschätzen. [2002]

Robert ging los, Reformhaus und Bioladen aufzusuchen, um seinen Speiseplan trotz Fleischverzichts abwechslungsreich und lecker zu gestalten. Er befand sich in guter Gesellschaft. Der Mann vor ihm an der Kasse, aber auch die zwei zwischen den Verkaufsauslagen, bemühten sich ebenso wie Robert darum, den Eindruck zu erwecken, als ob dies seit Jahren zu ihrem Alltag gehören würde. Auf keinen Fall wollte man wie einer aussehen, der sich erst aufgrund der neusten BSE-Skandalmeldungen zum Vegetarismus bekannte. "Kann ich ihnen helfen", fragte die Verkäuferin, deren über Jahre gepflegte Naturkostreligion sich quasi als mantelgleiche Aura um ihre Schultern legte, den Kunden im NewMedia-Look. "Nein danke, ich hatte da noch etwas auf meiner Liste", sagte dieser während er sich mit seinem Finger an den Kopf tippt, "ich muss noch mal zurückgehen und schauen, ob es mir dann wieder einfällt". [2000]

Was reden Sie hier immer über erschossen?…Wen wollen Sie töten?… Ich weiß doch, dass Sie über mich reden… Sie wollen immer meine Kontonummer wissen… In dieser Republik werden schon lange Dunkelhaarige erschossen… Gucken Sie sich das Kind doch mal an! Der ist bestimmt nicht der Vater, die redet ja eine ganz andere Sprache… Ich habe einen deutschen Pass, aber… Schon in den 70ern wurden Dunkelhaarige erschossen… Ich hol die Polizei… Wenn sie noch länger über mich reden, hol ich die Polizei… Ich geh zur Polizei… Ich weiß doch, dass Sie mich erschießen wollen…
Dreineinhalb Jahre war das jetzt her, dass Robert fassungslos den Wortschwall seines geistig nicht gänzlich gesunden Nachbarn über sich ergehen lassen hatte. Kein Zweifel, der Mann hatte einen Knall. Und sicher, man hatte schon oft über sein seltsames Gebaren gesprochen. Aber nicht an diesem Abend. Eine Zeit lang hatten Robert und Hanne dem "Psycho", wie er hinter vorgehaltener Hand von der gesamten Nachbarschaft genannt wurde, sogar gestattet, Kontakt zu Minou aufzunehmen. Natürlich immer unter Beobachtung. Er hatte die - zwanghafte - Angewohnheit, gedachten oder echten Dreck von Minous Händen zu abzustreifen. Dabei ging er immer sehr liebevoll, das heißt behutsam und Sanftheit ausstrahlend vor. Die besorgten Eltern waren unsicher, ob sie ihm ein derartiges Verhalten nicht auch unter Beobachtung verwehren sollten. Sie sollten und sie taten es.
Als Robert am nächsten Tag, dem Tag nach der nächtlichen Ich-hol-die-Polizei-Tirade, den Nachbarn im Durchgang zum Hinterhof antraf, sprach er ihn an. Sagte ihm, dass er die Finger von Minou zu lassen hätte. El Loco konterte, mit welchem Recht Robert ihm das verbieten wolle. Ganz klar, Robert sprach mit der Stimme des Vaters. Doch ebendas wollte der Nachbar ihm nicht zugestehen. Wie in der Nacht zuvor schwoll die ungesund piepsige Stimme an und zeterte, dass er, Robert, ja wohl kaum der Vater sei. Das würde jeder sehen können. Robert wiederholte sein Anliegen, deutlich, die Stimme erhebend. Auch der Nachbar wurde immer lauter - dabei auch immer piepsiger - allerdings nur, weil er sich mit jedem Wort zwei Schritte weiter von Robert entfernt hatte. Ja, der Nachbar hatte praktisch auf dem Absatz kehrt gemacht. Robert hätte sich nun als siegreicher Löwenvater bestätigt fühlen können - tat er aber nicht. Fortan galt es, den idyllischen Hinterhof und seinen durch was auch immer aus der Spur geratenen Anwohner genauestens im Auge zu behalten. Robert hasste es, anderen Menschen mit Misstrauen zu begegnen. [2001]

Robert wollte sich schnell noch einen Sechserträger Mineralwasser besorgen. Das machte er immer bei dem kleinen italienischen Alimentari, der gegenüber seiner Wohnung lag. Einem dieser Lebensmittelläden, in denen man nicht nur Latte macchiato trinken, sondern dazu auch rauchen konnte. Robert war schnellen Schrittes - den Zehner in der Hand - an den Glastresen getreten. "Das ist ne freche Frisur. Nee, ist die frech", erscholl es hinter ihm. Die etwa 50-Jährige am hölzernen Mitteltresen hatte sicherlich schon den einen oder anderen Vino verhaftet und wen sie meinen konnte, war Robert auch sofort klar. Schon war die Frau zwei Schritte auf ihn zugekommen und strich ihm mit raschen Wechselbewegungen den abstehenden Haarpinsel buschig. "Der Mann hat Selbstbewusstsein, mit so einer Frisur herumzulaufen", erging sich die vom Alkohol beflügelte weiter. "Ja, und gefallen tut mir die Frisur auch", versuchte Robert den überraschenden Vorfall locker zu nehmen. "Ja, aber alle anderen lachen darüber", hielt die Angetrunkene fest, was sie als das Entscheidende an Roberts Frisur sah. Der Blick, den ihm die Besitzerin des Geschäfts zuwarf, war gequält, mitleidig und entschuldigend zugleich. Robert antwortete mit etwa dem selben Augenausdruck, ergänzt um eine beschwingte Note, die signalisieren sollte, wie locker Robert das Vorgefallene nahm. Mitleid hatte ja wohl eher die Ladeneigentümerin verdient, die den auffälligen Gast weiter beherbergen musste. Trotzdem war Robert froh, dass er aufgrund des vorgegebenen Tempos - mit dem Zehner in der Hand - schon wieder Richtung Ausgang schritt. [2001]

Robert war sich sehr schlau vorgekommen. Drei Kaffeemaschinen hatte er in den letzten drei Monaten verheizt. Was nicht unbedingt an den Maschinen vielmehr an den dazu gehörigen Glaskannen lag. Natürlich hatte er sich den günstigsten, man kann schon sagen den billigsten Typ gekauft. Und ebenso natürlich kosteten die dazu gehörigen Glaskannen einzeln mehr als im Bundle mit dem Apparat. Also hatte Robert inzwischen drei von den Dingern auf dem Dachboden und keine Lust sich weitere dieser ökologischen Katastrophen ins Haus zu holen. Stattdessen wollte er sich diesmal eine Kaffeemaschine mit Thermoskanne besorgen. Den Tipp hatte er aus dem Ex-Kinderladen seiner Töchter bekommen. Von Menschen also, die sich mit dem täglichen Dauerbetrieb einer Koffeinaufbereitungsanlage auszukennen hatten.
Kurz bevor er diesen Hinweis erhalten hatte, war er zu Karstadt gegangen, um sich einen simplen Aufbrühfilter anzuschaffen. Die gab es aber nur in der Größe 1 x 6. Er brauchte 1 x 4 und sollte diesen am folgenden Dienstag kaufen können. Das Modell kam aber nicht am Dienstag und eine Woche später hatte Karstadt gar keine Filteraufsätze mehr. Zur Überbrückung hatte sich Robert längst eine dieser Espresso-Apparaturen aus Aluminium besorgt. Wie gesagt zur Überbrückung. Denn erstens, ist das Metall nicht unbedingt eins der gesündesten, und zweitens, verbrauchte Robert Unmengen des um Einiges teureren Kaffeepulvers. Nun würde er am nächsten Tag eine Kaffeemaschine mit Thermoskanne kaufen. Robert lag schon im Bett als er einen lauten Knall, ein Knacken oder Klacken hörte. Was kann das gewesen sein, eine Sicherung? Zum Aufstehen war er zu faul. Robert drehte sich um und schlief unverzüglich ein.
Die neue Kaffeemaschine bereits gekauft, aber noch verpackt, machte sich Robert daran, seine Küche aufzuräumen. Als Robert die Thermoskanne, die er sich von seiner Mutter geliehen hatte, ausspülen wollte, wusste er, was in der Nacht zuvor so einen Lärm gemacht hatte. Im Inneren der Kanne, ungefähr das untere Drittel füllend, entdeckte Robert einen Haufen hauchfeiner Spiegelglassplitter, die ihm mit einem Mal klarmachten, wie verlässlich so eine Thermoskanne wirklich ist. [nov2001]

Robert hatte gerade eine wohlmeinende „Rezension“ über ein Werk namens Das große Buch der Männergesundheit verfasst. Dabei hatte es der Autor in seinem einleitenden Beitrag bereits treffend auf den Punkt gebracht: Der Mann an sich schert sich nicht um seine Gesundheit. Natürlich nicht, wie der Autor unter anderem nahe legte, weil es in Männerkreisen als uncool gilt, sorgsam auf sich Acht zu geben. Nein, vielmehr weil sich eine allzu besorgte Einstellung der eigenen Gesundheit gegenüber nur in einer Schwächung derselben auszahlen könnte. Das lag ja wohl auf der Hand. Dieses In-sich-hinein-horchen war doch nichts anderes, als ein in Frage stellen. Self-fulfilling prophecy sozusagen. Nein, damit wollte Robert gar nicht erst anfangen. Das Buch würde sicher floppen. Es sei denn, man würde es dort bewerben, wo die Frauen sich Anregungen für Partnergeschenke holten. Dann würde es zwar immer noch nicht gelesen werden – jedenfalls nicht von seiner vermeintlichen Klientel – aber immerhin über den Ladentisch gereicht werden.

Ein paar Tage später sollte sich Robert zum Thema Männergesundheit mehr Gedanken machen ...

Vier Jahre lang hatte Robert durchgearbeitet, ohne auch nur einen einzigen Tag aus gesundheitlichen Gründen zu fehlen. Und auch in den letzten (fast) zwei Jahren der verringerten Beschäftigung – auch Arbeitslosigkeit genannt – wurde er nicht einmal von einer Grippe oder ähnlichem aus der Bahn geworfen. Seine Freundin Kora, die mindestens genau so eine saubere Einstellung ihrem Arbeitgeber, beziehungsweise ihrer Arbeit gegenüber hatte, wurde dagegen schon ein um andere Mal gezwungen, das Bett zu hüten. Dabei war sie so robust, so kräftig, so vital. Ganz ohne Zipperlein war Robert allerdings im letzten Jahr auch nicht geblieben. Immer öfter plagte ihn ein Sitzschmerz, den er auf die endlosen Stunden, die er am Rechner sitzend zubrachte, zurückführte. Lästig zwar, aber eben kein wirkliches Gebrechen. So dachte Robert zumindest, bis er seine Eigendiagnose nicht länger aufrecht halten konnte.

An einem Donnerstag hatte er sich auf dem Fernsehsofa von Matti und Barthez gequält, bis er es nicht länger aushielt. Am Freitag baute er sich einen Sitzturm aus den Spielkissen seiner Töchter und hielt es dennoch nicht vor dem Rechner aus. Spontan verabredete er sich für den nächsten Tag mit Kora zum spazieren gehen. Er brauchte irgendwie Ablenkung – den ganzen Tag auf dem Bauch liegen würde er nicht durchhalten. Am Samstag spazierte er denn auch mit Kora über den Wochenmarkt am Goldbekufer. Nachdem sein Kühlgel so wenig bewirkt hatte, besorgte er sich eine Rückensalbe, die er vor diesem Spaziergang erstmals aufgetragen hatte. Wirkung: gleich Null.

Durchgehend sendete ihm sein Steiß unleugbare Schmerzsignale, die Robert den sonnigen Samstag an der Seite seiner Liebsten zunehmend vergällten. Für Latte macchiato oder sein beliebtes portugiesisches Pendant, Galao, hielten die beiden dementsprechend nach einem Stehcafé Ausschau. Der Rückweg von Winterhude ins heimische Eimsbüttel wurde dann komplett per pedes zurückgelegt und Robert erhoffte sich Linderung durch ein wenig Verschnaufen in der Bauchlage auf Koras Bett.

Wer weiß, wie lange es Robert wohl noch so weitergetrieben hätte ... wenn er nicht diese erschreckende Entdeckung beim Klogang gemacht hätte. Als überzeugter Sitzendpinkler, der er war, hatte Robert nach dem kleinen Geschäft einen eher zufälligen Blick auf die Klobrille geworfen. Doch was bekam er da zu sehen? Einen gräulich, schmierigen Klecks, versetzt mit deutlich an Blut gemahnenden roten Schlieren. O weia. Wo mag das nur hergekommen sein? Von einem Moment auf den anderen wurde Robert klar, dass er sich bezüglich seiner vermeintlichen Steißüberbelastung irgendwie falsch diagnostiziert hatte ... und ... nicht drum herum kommen würde, dies Kora gegenüber zuzugeben ... und ... ja, und ... dann wohl ins Krankenhaus müsste – einen Fachmann eine treffendere Diagnose fällen lassen.

Nun befindet sich der menschliche Steiß ja bekanntlich dort, wo Mensch am schlechtesten selbst Einsicht nehmen kann. Vergleichbar etwa mit der Eigenpflege betreibenden Katze, die beim besten Willen und aller übermenschlichen Gelenkigkeit zum Trotz nicht an diesen einen Punkt im Genick gelangt. Also? Kora zeigen ... auch wenn’s unangenehm ist. Inzwischen war Robert sich ja schon im Klaren darüber, dass er angesichts am Wochenende geschlossener Hausarztpraxen die nächsten Stunden im UKE verbringen würde. Kora untersuchte also Roberts Rückfront und mit Hilfe von ein, zwei Metern Klopapier wischte sie auch reichlich eitrigen Ausfluss aus einer Stelle am obersten Innenschenkel. „Tja, da hast du ein richtiges Loch“, sagte sie eher fasziniert als geschockt oder gar angewidert. Robert wollte wirklich nichts über Löcher in seinem Körper hören ... schon gar nicht über solche, die Mutter Natur nicht von Beginn an dort vorgesehen hatte. Aber dafür war es nun zu spät. Der Schmerz andererseits war mit einem Schlag abgeklungen, vollständig verstummt – ums Krankenhaus würde Robert dennoch nicht herumkommen.

Kora und Robert marschierten zum UKE. Zehn, fünfzehn Minuten dauerte das etwa von Koras Wohnung aus. Robert stellte sich auf eine lange Wartezeit ein, doch bereits nach 20 Minuten wurde er in einen Untersuchungsraum geführt. Der junge Bereitschaftsarzt brauchte nicht lange für seine Diagnose. „Sie haben eine Spina Soundso-idalis – eine Steißbein-Fistel.“ Die folgenden Erläuterungen nahm Robert etwas verschwommen wahr. „... ist verbreiteter als man denkt ... muss operativ behandelt werden ... Blutabnahme ... EKG ... Lunge röntgen ...“
„Wie, das muss operativ behandelt werden?“ fragte Robert nach. „Ambulant, oder was meinen Sie?“
„Nein, stationär ... das ist kein kleiner Eingriff ... aufwändig, aber verläuft in nahezu allen Fällen gut ... lange Zeit der Nachbehandlung ... Vollnarkose ... wann haben Sie zuletzt gegessen? ... Einweisung auf Station ... heute noch ...“

Robert konnte es nicht fassen. Er war in seinem ganzen Leben nur ein einziges Mal länger als ein paar Stunden im Krankenhaus gewesen – bei seiner Polypen-OP im Alter von elf. Nun sollte er sich sofort auf Station begeben und unter Vollnarkose operiert werden, sobald er ausgenüchtert sei. Tja, zuletzt gegessen hatte er direkt auf dem Herweg. In Anbetracht der zu erwartenden Stunden langen Warterei hatte er ein Sojawürstchen und zwei Käsestangen verhaftet. Das gab ihm nun beinahe sechs Stunden Schonfrist. Doch der Arzt meinte, man würde im UKE Nonstop operieren und Robert sei dann etwa um halb Eins unter dem Messer.

Robert steckte in einer ausgesprochenen Zwickmühle. Einerseits wollte er die Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen, andererseits hätte er den OP-Termin am liebsten auf den Sanktnimmerleinstag verschoben.

Bei der Röntgenaufnahme outete sich die Schwester als ebenfalls Betroffene. Vor einigen Jahren habe sie den selben Eingriff über sich ergehen lassen müssen. Lästig, aber harmlos. Und Kora erinnerte sich sogleich an ihre ehemalige WG-Genossin, die ebenfalls operiert worden sei und dann über Wochen ein offenes Loch hatte auspülen und tamponieren müssen. Na, das waren ja Aussichten. Das Wissen, dass es vielen anderen genauso ergangen war oder noch ergehen würde, war auch keine rechte Hilfe. Robert fand es schlichtweg ungerecht und nicht im Mindesten verständlich, dass es nun an ihm sein sollte, Krankenhauspatient zu werden. Ein Operierter noch dazu. Die beinahe verzweifelte Frage, ob man das Problem nicht auch medikamentös behandeln könne, war ja längst mitleidig lächelnd verneint worden. Antibiotika würde Robert halt noch obendrauf bekommen. Und wie er sich den Laden vorstellte, gab’s das Zeug unter Garantie intravenös ...

Robert ging also mit Kora zu sich nach Hause und packte ein paar Sachen. Um 22 Uhr hatte er sich dann auf Station 5 einzufinden ...

Dort angekommen wurde er noch in Jacke gleich ins Bad geführt und kurzerhand am Arsch rasiert. Super. Danach durfte er allein duschen und das schmissige Netzunterhöschen sowie den hinten offenen Kittel anziehen. Klasse.

Zwischen Zwölf und halb Eins setzte ihn die Schwester dann davon in Kenntnis, dass er heute – also jetzt noch in dieser Nacht – nicht mehr operiert werden würde. Notfälle hätten Vorrang. Immerhin bekam er noch Abendbrot und Mineralwasser gebracht. Nun sollte Robert am nächsten Morgen unters Messer kommen.

Der Tag schleppte sich dahin. Robert hatte sich wirklich mehr von Die Rebellin von Carcassonnne versprochen und außer Lesen blieb ihm nicht viel in Netzhöschen und Po-frei-Kittel. Dass ihm der blanke Hans rasiert worden war, erfüllte ihn auch nicht grade mit zusätzlichem Besitzerstolz, und so blieb er im Bett und wartete ... und wartete ... und wartete ...

Ab Zwölf ging er dazu über, mit hinten zugehaltenem Kittelchen, im Stundentakt zum Dienstzimmer zu schlurfen und zu fragen, ob er denn heut überhaupt noch dran käme. Andernfalls würde er nach Hause gehen wollen. Der Steiß bereitete ihm zwar seit dem „Eiterlass“ keine Probleme, dafür das Gerstenkorn umso mehr. Robert hatte das Gefühl, dass die neuerliche Ausnüchterung ihn mehr und mehr dehydrierte, was seinem Auge anscheinend auch nicht gut bekam. Freiwillig an den Tropf, wie ihm bereitwillig angeboten wurde, wollte er aber keinesfalls.

Um Drei kam Kora von ihrem Wochenend-Putzjob und drängte den mürrischen Robert zu einer Partie Carcassonne auf dem welligen Bettbezug seines Krankenlagers. Wie die frisch angesteckte Zigarette an der Bushaltestelle den Bus herbeizaubert, so zauberten Kora und die gerade begonnene Brettspielpartie den Pfleger herbei, der Robert nun doch endlich in die Katakomben zur OP bringen sollte.

Abgesehen vom Anbringen der Braunüle in seiner linken Armbeuge und dem Wechsel vom Bett auf den mobilen Behandlungstisch gab es ausreichend beschäftigungslose Zeit, in der Robert sich angesichts der sehr herunter gekommen wirkenden Räumlichkeiten mehr und mehr an filmische Darstellungen der Pathologie erinnert fühlte. Zeit genug, um streng riechenden Schweiß abzusondern, bekam er natürlich auch.

Egal, wie sehr ihn die anstehende Narkose untergründig ihn Sorge versetzte, Robert wünschte sich den alles betäubenden Schleier anästhesistischer Kunstfertigkeit dringend herbei. [sep2003]

Robert und Kora betrieben seit einigen Monaten ein seltsames Spielchen. Wenn Robert zu einem seiner geliebten Bücher griff, um es ein drittes, viertes oder xtes Mal zu lesen, dann tat er es hin und wieder mit den begleitenden Worten: "Das ist das beste Buch der Welt". Bei einer dieser Gelegenheiten kam er mit Frans G. Bengtssons Die Abenteuer des Röde Orm in der Hand vom ausgedehnten Klogang zurück und Kora sprang sofort drauf an. "Du bist doch nicht ernsthaft der Überzeugung, dass das das beste Buch der Welt ist", erwiderte sie mit ungespielter Empörung in der Stimme. Wohl nicht, weil sie dem Buch, das sie nie gelesen hatte, irgendwelche Qualitäten absprechen wollte, sondern vielmehr, weil sie glaubte, dass Robert vorher noch ganz andere Bücher auf einen derart erhabenen Thron hieven würde.

Robert saß das dann meist gemütlich aus und mit einem bekräftigenden "doch" nahm das Hin und Her seinen Fortgang. "Was ist denn mit dem Herrn der Ringe? Das müsste doch viel eher dein Lieblingsbuch sein", folgte konsequenterweise von ihrer Seite. "Ja, Lieblingsbuch...", antwortete Robert gedehnt, sowohl zustimmend als auch in Frage stellend, um genüsslich fortzufahren, "aber das hier ist das beste Buch der Welt." So ging es dann meist noch eine Weile weiter. "Ja, Tolkien hat Unglaubliches geleistet... unerreichter Meilenstein... ABER... Bengtssons Erzählstil, dieses Augenzwinkern, dieses in jede Zeile gewobene Schmunzeln von der ersten bis zur letzten Seite... also, vom Erzählstil her, da ist der Bengtsson unerreicht"... und... und... und...

Funktionierte natürlich auch bei anderen Gelegenheiten. Wie neulich, als Robert vom Fernsehprogramm aufblickte und sagte, "Geil, heut gibt's den besten Film der Welt". Kora reagierte prompt und fragte mit deutlich hörbarem Misstrauen, "Was soll denn der beste Film der Welt sein?" Voller Selbstzufriedenheit antwortete Robert, "The Big Lebowski!"... und die nächste Runde von "du bist doch nicht ernsthaft der Meinung, dass..." nahm ihren Lauf. Als Robert vor kurzem im Metrobus 20 auf Höhe des UKE zu Kora sagte, "Die Kunst des Verschwindens von Jim Dodge ist das beste Buch der Welt", vermeinte Kora ihn endlich erwischt zu haben. "Hah, da hast du aber letztens ein ganz anderes Buch genannt... dieses Wikinger-Buch".

Robert war nicht gewillt, sie in seine Sichtweise von "Bestes der Welt"-Kategorien und -Subkategorien einzuweihen. Dafür bereitete ihm ihr Aufbrausen eindeutig zu viel Vergnügen. Er ging einfach nicht auf ihren Einwand ein und behauptete weiter, dass Die Kunst des Verschwindens das beste Buch der Welt sei. Um dem entgegen zu wirken, hatte Kora sich mittlerweile auf die "Was würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen"-Strategie verlegt. Spöttisch, beinah abschätzig und vor allem den sicheren Sieg vor Augen in der Stimme, sagte sie dann, "Nimm du ruhig deinen Big Lebowski mit... ich lass dich jedenfalls nicht mitschauen, wenn ich mir alle drei Teile von Matrix angucke..." [2005]

Roberts Verhältnis zum eigenen Geburtstag war schon ein besonderes. Das letzte Mal als er ihn so richtig mit geladenen Gästen gefeiert hatte, war er neun Jahre alt gewesen - also vor etwa einem Vierteljahrhundert. Die Erinnerungen daran waren keinesfalls schlecht. Er hatte von einem Klassenkameraden sogar einen Modellbausatz für ein Kriegsschiff bekommen, obwohl derlei Spielzeug im Zuge seiner pazifistischen Erziehung ansonsten kein Platz eingeräumt wurde. Nichtsdestotrotz lud er in den folgenden zweieinhalb Dekaden keine Gäste mehr zum Feiern des abgeschlossenen und Begrüßen des nächsten Lebensabschnitts ein. So ganz war Robert sich nicht im Klaren über seine Motive.

Das Älterwerden machte ihm allerdings rein gar nichts aus. Und wenn doch, dann manifestierte sich das nie an seinen Geburtstagen. Eher schon gefiel er sich nicht in der Rolle des Gastgebers. Die war ihm schlicht ein Greuel. Was wiederum bestimmt nicht an eventuell [ganz sicher] entstehenden Kosten lag. Er wäre stets gern bereit, das Doppelte zu zahlen, nur um nicht in die genannte Rolle schlüpfen zu müssen. Es war vielmehr die damit verbundene Verantwortung, seine Gäste zu unterhalten, die es ihm so schwer machte, in solchen Situationen selbst seinen Spaß zu haben. Aus dieser Erkenntnis erwuchs dann die große Frage, wieso er gerade an seinem Tag am wenigsten Fun haben sollte.

Überhaupt lehnte er es zunehmend ab, von anderen an seinem Geburtstag in Anspruch genommen zu werden. Was nicht immer klappte. Seine beiden Töchter zum Beispiel bekamen das Gefühl, er würde sie nicht lieben, wenn er sie an seinem Geburtstag nicht sehen wollte. Tja, für Yeza und Minou rückte er also etwas ab von seinem Standpunkt und gab ihnen immer die Möglichkeit, seinen Jährungstag an demselben mit ihm zu zelebrieren. Alle anderen aber mussten zurückstehen. Selbst Karo hatte das schnell lernen müssen. Wiewohl sie rein äußerlich gleich Verständnis für seinen Spleen aufbrachte.

Eine andere Sache, die ihm im Zusammenhang mit Geburtstag und Weihnachten so verhasst war, das waren die Geschenke. Und da nahm Karo keine Rücksicht auf seine Macke. Zugegeben, Karo traf auch meistens seinen Geschmack oder die jeweiligen Bedarfe. Das gelang anderen eher selten. Was Robert auch ganz normal fand, es ging ihm da ja genauso. Was er nicht verstehen konnte, war der Zwang, dem sich alle unterwarfen, auch ja nach dem Kalender vermeintlich passende Präsente bereitzustellen. Nicht selten in vollem Bewusstsein, dass es sich um ein Alibi-Geschenk handelte, waren die Spender solcher Gaben mit sich zufriedener, als wenn sie mit leeren Händen dagestanden hätten. Nun, Robert war da genau andersrum. Ein falsches, nicht ins Schwarze treffende Geschenk war ihm tausendmal unangenehmer als wieder einmal nur zu gratulieren. Er hoffte inständig, dass seine Motive glaubhaft rüberkamen und freute sich über jeden, der sich traute, ebenso zu handeln. [feb2002]